Wenn die Stimme versagt

21. Oktober 2026

«Gerade jetzt, während ich Ihnen diese Zeilen schreibe, ist es draussen sehr laut.» So beginnt Pfarrer Anatoliy Raychynets, stellvertretender Generalsekretär der Ukrainischen Bibelgesellschaft (UkBG), seinen Bericht. Die ukrainische Armee schiesst Drohnen ab, die Kyjiw angreifen. «Wir sind ohne Strom und Wasser, aber wir leben – und wir arbeiten hart daran, Licht und Hoffnung in eine sehr dunkle und hoffnungslose Lage zu bringen.»

Anatoliy Raychynets, assisting General Secretary Ukrainian Bible Society © UKBG 21.08.2023

Anatoliy Raychynets, stellvertretender Generalsekretär der Ukrainischen Bibelgesellschaft © UKBG 21.08.2023

Zweimal im Monat an die Front

Im Durchschnitt reist ein Team der UkBG zweimal pro Monat an die Front. Es besteht aus ehrenamtlichen Seelsorgern verschiedener Konfessionen – Bischöfen, Pfarrern und Priestern. Vor Ort bilden sie Zweier- oder Dreiergruppen und begleiten die Soldaten seelsorgerlich – in Absprache mit dem Kommandanten und dem Militärseelsorger. Wenn es die Lage erlaubt, besuchen sie die Stellungen und Schützengräben.

Bis Ende Jahr sind mindestens drei weitere Einsätze geplant. Der grösste und längste ist über die Festtage geplant: Vom 20. bis 30. Dezember feiert das Team mit den Soldaten Weihnachten.

Gefährlicher denn je

Die Lage an der Front ist wegen der Drohnen weit schwieriger als in den Vorjahren. Die sogenannte Todeszone entlang der Frontlinie ist inzwischen 30 Kilometer breit. Jeder Einsatz ist riskanter geworden. «Doch der Bedarf an Bibeln und Seelsorge wächst stetig», sagt Raychynets.

Die meisten Soldaten sind keine Berufsmilitärs, sondern Zivilisten, die eingezogen wurden, um ihr Land zu verteidigen. «Deshalb ist es so wichtig, dass die Kirche dort ist, wo Menschen Seelsorge brauchen.» Noch während Raychynets seinen Bericht schrieb, sprach der Leiter der Seelsorgeabteilung der Bodentruppen bei der Bibelgesellschaft vor und bat um Bibeln. «Das geschieht jeden Tag, sieben Tage die Woche.»

«Ich kann nicht sprechen»

Am dringendsten brauchen die Soldaten Ablösung, erzählt Raychynets. Sie sind erschöpft und vermissen ihre Familien, ihr Zuhause, ihr früheres Leben. Einmal bat ihn ein Soldat, seine Frau anzurufen und ihr zu sagen, dass er lebe und sie und die Kinder sehr vermisse. Warum er es ihr nicht selbst sage, fragte Raychynets. Die Antwort: «Ich habe es oft versucht. Aber in dem Moment, in dem ich die Stimme meiner Frau oder meiner Kinder höre, kann ich nicht sprechen.»

Soldaten brauchen jemanden, mit dem sie reden können. Viele bitten die Seelsorger, für sie und mit ihnen zu beten. Fast alle schätzen es, gemeinsam in der Bibel zu lesen – besonders in den Psalmen. Viele erzählen, wie schwer es ist, so lange nicht nur von der Familie, sondern auch von der Kirche getrennt zu sein. «Darum brauchen wir einander – damit wir stark bleiben im Kampf um unser Recht zu leben.»

Über 1300 Seelsorger im Einsatz

Derzeit dienen 450 Militärseelsorger vollzeitlich in den ukrainischen Streitkräften, dazu kommen rund 850 ehrenamtliche Seelsorger. Die Ukrainische Bibelgesellschaft unterstützt sie mit Bibeln und begleitet sie auf ihren Einsätzen.

«Danke, dass Sie an unserer Seite stehen», schreibt Anatoliy Raychynets zum Schluss.

© Anatoliy Raychynets hat dieses Zeugnis am 13. Oktober 2026 in einem Telefongespräch mit Tobias Keil von der Deutschen Bibelgesellschaft abgelegt.