Am 24. Juni 2026 erschütterten mehrere Erdbeben Venezuela. Mehrere Wochen später zieht Baudilio Hurtado, Generaldirektor der Bibelgesellschaft Venezuelas, in einem Telefongespräch Anfang August mit Bernt G. Olsen, Leiter Internationale Beziehungen der Norwegischen Bibelgesellschaft, Bilanz über die aktuelle Lage im Land.
Zunächst hiess es, die Büros der Bibelgesellschaft seien teilweise zerstört worden – das hat sich bestätigt. Eine bauliche Untersuchung zeigte jedoch, dass es sich nur um oberflächliche Schäden handelt: einige Risse und weitere Mängel, welche die Sicherheit des Gebäudes nicht beeinträchtigen. Die Situation in der Region ist allerdings unterschiedlich: Auf der anderen Strassenseite steht beispielsweise ein Gebäude mit erheblichen Schäden.
Am stärksten betroffen ist ein Gebiet nahe des Flughafens von Caracas, fast eine Stunde von der Stadt entfernt in Richtung Küste. Dort bestehen weiterhin schwere Schäden; es ist von rund sechs Monaten Reparaturzeit die Rede, bis der Flughafen wieder betriebsbereit sein könnte. Aktuell werden Flüge über die rund zwei Stunden entfernte Stadt Valencia sowie über Barcelona, etwa vier Stunden von Caracas entfernt, abgewickelt – über diese beiden Flughäfen laufen derzeit die wenigen internationalen Verbindungen nach Venezuela. Neu gibt es zudem wieder Flüge aus den USA, wodurch sich das Land weniger isoliert zeigt als zuvor.

Lebensmittel, die nach dem Erdbeben in Venezuela zur Auslieferung bereitstehen. © UBS in Venezuela.
Das Personal der Bibelgesellschaft arbeitet gut, und auch die wirtschaftliche Lage des Landes beginnt sich zu normalisieren. Politisch hat sich durch das Eingreifen der USA einiges verändert: Die Ölförderung liegt nun in amerikanischer statt wie zuvor in chinesischer und russischer Hand. Laut Baudilio Hurtado hatte die frühere Verteilung der Öleinnahmen zu erheblicher Korruption geführt und kam vor allem einzelnen Machthabern statt der Bevölkerung zugute. In dieser Hinsicht habe sich die Lage verbessert; zunehmend fliessen Dollar in die Wirtschaft, was zu einer gewissen Stabilisierung beigetragen hat. Dennoch bleibt die soziale Kluft gross: Eine kleine Oberschicht von rund 5 Prozent kontrolliert das Land faktisch, eine Mittelschicht macht etwa 25 Prozent aus, während knapp 70 Prozent der Bevölkerung in weitverbreiteter Armut leben.
In mehreren Städten kommt es derzeit zu grossen regierungskritischen Protesten, die offenbar toleriert werden – eine Entwicklung, die als positives Zeichen gewertet wird. Insgesamt arbeitet die Bibelgesellschaft in Venezuela wieder nahezu normal, und auch der Import und die Bezahlung von Bibeln dürften kurzfristig einfacher werden.
Bibeln statt Arepas: ein Zeugnis aus La Guaira
Am 12. September 2026 nahm Baudilio Hurtado an einer Verteilaktion in La Guaira teil, die anlässlich des «World Arepa Day» stattfand.

Eine Arepa ist ein runder, flacher Maisfladen, der aus gemahlenem Maisteig oder vorgekochtem Maismehl hergestellt wird. © Von Periodismodepaz – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0.
Im Stadtteil Caribe, wo fast jedes Gebäude eingestürzt war, verteilten die Helfenden 6500 Arepas – dazu Bibeln und tatkräftige Unterstützung. Am meisten beeindruckte ihn ein Mann, der zu ihm sagte: «Ich will keine Arepa; ich bin gekommen, weil man mir gesagt hat, dass hier Bibeln verteilt werden. Ich habe mein Haus und einen Enkel verloren; ich besass drei Bibeln und habe sie alle verloren, und ich möchte eine Bibel bekommen.» Als Hurtado ihm eine Bibel überreichte, sagte der Mann: «Wenn ich Nahrung für meine Seele und Trost brauche, finde ich sie im Wort Gottes.» Auch eine Frau, die am Ende des Tages um Arepas und Wasser bat, erhielt auf Nachfrage eine Bibel – überglücklich sagte sie: «Sie wissen nicht, wie sehr ich Gott um eine Bibel gebeten habe, und heute schenken Sie mir eine.»

Die Venezolaner freuen sich über die Bibeln, die ihnen die Venezolanische Bibelgesellschaft nach dem Erdbeben im Jahr 2026 verteilt. © Weltbund der Bibelgesellschaften in Venezuela
Baudilio Hurtado dankt den Bibelgesellschaften der Schweiz, Neuseelands, Frankreichs, Uruguays, von Mauritius, Kanadas, Dänemarks, der Niederlande und Flanderns, Australiens, der USA, Perus und Panamas sowie den Weltbund der Bibelgesellschaften für ihre Unterstützung nach dieser Tragödie.

Ein venezolanisches Paar freut sich über die Bibel, die es von der Bibelgesellschaft Venezuelas nach dem Erdbeben im Jahr 2026 erhalten hat. © Weltbund der Bibelgesellschaften in Venezuela
Dank der grossen Solidarität von Spenderinnen und Spendern aus der Schweiz konnte die Schweizerische Bibelgesellschaft bis Mitte September 11’432 CHF (13’904 US-Dollar für die Bibelgesellschaft Venezuelas sammeln – eine wertvolle Unterstützung für den Wiederaufbau und die weitere Arbeit vor Ort. Weltweit sind bis zum 22. September 2026 bereits 107’868 US-Dollar für die Projektphase von Juli bis Dezember 2026 zusammengekommen – fast die Hälfte der erhofften 250’000 US-Dollar.
Herzlichen Dank an alle, die mit ihrer Spende diese wichtige Hilfe möglich gemacht haben.
Quelle: UBS
