Am «Rand der Welt» wird die Bibel übersetzt

In den Bergen Nagalands, das im äussersten Nordosten Indiens an der Grenze zu Myanmar liegt, an einem Ort, den die Einheimischen «den Rand der Welt» nennen, erhielt das Volk der Chokri letztes Jahr seine erste Bibel in der eigenen Sprache. Hanna Paavilainen von der Finnischen Bibelgesellschaft hat die Menschen besucht, die hinter diesen Projekten stecken – und erlebt, was es bedeutet, wenn Gottes Wort endlich in der Herzenssprache ankommt.

Along Jamir, Leiter der Übersetzungsarbeit der Bibelgesellschaft in Indien, stellt ein typisches Rätsel aus Nagaland: Was ist es, das nicht antwortet, obwohl man mehrmals an die Haustür klopft, aber sobald man einmal an die Hintertür klopft, sofort durch die Haustür herauskommt? Auf den Tisch wird ein dampfender Teller mit der Antwort gebracht: Schnecken, aus sumpfigen Reisfeldern gesammelt und mit Chili, Ingwer und Knoblauch gekocht. Jamir zeigt die Lösung – zuerst durch die hintere Öffnung aussaugen, dann löst sich die Schnecke aus ihrem Gehäuse.

Indien Potluck Foto: Finnische Bibelgesellschaft 2026Indien ist ein Land, in dem viele Länder vereint sind. Jeder Bundesstaat hat seine eigene reiche Kultur, seine eigenen kulinarischen Traditionen und seine eigenen Sprachen. Ein Eindruck vom Ausmass: Im Land werden weit über tausend Sprachen gesprochen (die Volkszählung 2011 erfasste 1369 Muttersprachen, jene von 1961 zählte 1652). «Derzeit laufen in Indien 110 Bibelübersetzungsprojekte, von denen die meisten hier in Nordostindien angesiedelt sind», erzählt Jamir, der selbst aus Nagaland stammt. «Ich habe gesehen, wie Gottes Wort diese Gemeinschaften verändert, wenn sie die Bibel in ihrer Herzenssprache erhalten haben.»

Eine dieser Gemeinschaften sind die Chokri, die im vergangenen Jahr ihre erste Bibel in der eigenen Sprache erhielten. Die Stadt Pfutsero liegt in den Bergen auf über zweitausend Metern Höhe. Terrassenfelder mit Bananen, Kakis, Tee und Kiwis. Über allem hängen gleichmässig Wolken. Die Einheimischen nennen diesen Ort den Rand der Welt.

Von Schädeljägern zu Christen

Foto: Finnische Bibelgesellschaft 2026Nordostindien ist mit dem grossen Mutterland nur durch einen schmalen Korridor verbunden und liegt umgeben von Bangladesh, Bhutan, China und Myanmar sehr isoliert. Es besteht aus sieben Bundesstaaten mit einer Vielzahl verschiedener ethnischer Gruppen und Sprachen. In der Region gibt es bereits etablierte christliche Traditionen – in drei dieser Bundesstaaten ist das Christentum die Hauptreligion. Die eigene Muttersprache kann in den Schulen nicht gelernt werden, da es keine Schriftform davon gibt. «Ich benutze die indische Währung und in meinem Pass steht Indien, aber eigentlich bin ich Chokri und Naga, kein Inder», erzählt der örtliche Pastor Mutukhro Zo.

Die Chokri haben, wie viele Völker in Nagaland, eine Tradition der Schädeljagd. Das Köpfen gegnerischer Krieger war bei den Konyak-Naga ein Symbol für Sieg und Stärke. Der letzte Kopf wurde unter den Chokri in den 1950er Jahren abgeschlagen. Etwa zur gleichen Zeit etablierte sich das Christentum in der Region. Vorher glaubten die Menschen an einen einzigen grösseren Gott sowie an Waldgeister. Heute sind die meisten der 95’000 Chokri Christen der zweiten oder dritten Generation.

Die Bibel dient als Wörterbuch

Vor der Bibelübersetzung hatten die Chokri keine Schriftsprache. «Viele Sprachfamilien hier haben bisher keine Schriftform, keine Grammatik und keine Struktur. Im Rahmen der Bibelübersetzung werden diese erstmals festgelegt», erklärt Jamir. Pastor Zo ist begeistert: «Wir haben lange um eine Bibel in der Chokri-Sprache gebetet. Früher kam uns die Bibel fremd vor, jetzt fühlt sie sich persönlicher an.»

Ruysuhli Cushah, Leiter der Jugendarbeit, berichtet, dass sich sein Wortschatz erweitert habe: «Anfangs kam es mir seltsam vor, Chokri zu lesen – denn zuvor hatte ich die Sprache nur gesprochen. Jetzt lese ich die englische und die chokrische Bibel parallel und lerne so meine eigene Sprache. Abstrakte Begriffe wie Gerechtigkeit oder Erlösung kannte ich zuvor in meiner Sprache gar nicht.» Pulalii Thelu, Leiter der Sonntagsschule derselben Gemeinde, nickt zustimmend: «Die Bibel in Chokri ist eine grosse Errungenschaft für unser Volk. Sie ist der Ausgangspunkt dafür, etwas Neues und Grösseres zum Wohl unseres Volkes und zur Ehre Gottes zu schaffen.»

Die Verfolgung von Christen ist Realität

In der Hauptstadt Neu-Delhi leben Christen als Minderheit. Das Strassenbild ist geprägt von Hindu-Tempeln und Plakaten, die «Ein Indien» verkünden. Die Lage hat sich unter der derzeitigen Regierung verschärft: Schulen erhalten keine staatlichen Zuschüsse ohne Hindi-Lehrer, Yoga ist in jeder Schule Pflicht. Im Nachbarstaat Manipur herrscht ein bewaffneter Konflikt zwischen Vertretern verschiedener Religionen – Übersetzer mussten fliehen, die dortigen Projekte sind unterbrochen.

Erzbischof Anil Joseph Thomas Couto bringt es auf den Punkt: «Christen sind hier Bürger zweiter Klasse. In den letzten Jahren hat die Zahl der Angriffe zugenommen, Gottesdienste werden ständig unterbrochen.»

Das Christentum wächst in Indien

Trotz aller Schwierigkeiten wächst das Christentum. Die jüngsten Statistiken des Weltbundes der Bibelgesellschaften (UBS) zeigen, dass in Indien weltweit die drittmeisten Bibeln verkauft wurden. «Die Menschen suchen Erlösung und Befreiung. Im Christentum sprechen die Gleichberechtigung und die Loslösung vom Kastensystem die Inder an», sagt Couto. Jamir schliesst mit einer Botschaft der Hoffnung: «Unser Gott ist grösser als jede Herausforderung, die uns gestellt wird.»

Hanna Paavilainen, Finnische Bibelgesellschaft

Hanna Paavilainen

Pastorin und Leiterin Online-Kommunikation, Finnische Bibelgesellschaft

 

In unserer neusten Ausgabe „die Bibel aktuell“ finden Sie weitere Artikel über Indien und die Bibelverbreitung