«Gott ist für uns eine starke Zuflucht. In höchster Not steht er uns bei. Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Fundamente der Erde schwanken und die Berge mitten im Meer wanken.» (Psalm 46,2-3 BasisBibel)
Ich habe Psalm 46 in meinem ruhigen Büro in Juba gelesen und teile ihn fast jede Woche bei unseren Andachten mit meinen Mitarbeitenden. Als Generalsekretärin der Bibelgesellschaft im Südsudan hat mich dieser Vers durch die Kriegskrise und die tägliche Unsicherheit unserer Wirtschaft begleitet. Es ist der Vers, zu dem ich zurückkehre, wenn sich die Treibstoffpreise über Nacht verdoppeln, wenn ein Lastwagen mit Bibeln an einem Kontrollpunkt aufgehalten wird, wenn wir monatelang keine Gehälter zahlen können und wenn Mütter und Kinder mich fragen, ob Gott diese junge Nation vergessen hat.
Der Südsudan ist erst 15 Jahre alt. Dennoch tragen unsere Menschen die Last der Vertreibung, all die Nöte des Krieges, der Inflation und des Verlustes schon viel länger. Auf den Märkten von Wau kostet ein Kilogramm Mehl heute so viel, wie ein Lehrer letztes Jahr in einer Woche verdient hat. In Bor erzählen mir junge Männer, dass sie es leid sind, Schlachten zu schlagen, die sie nicht begonnen haben. In Yei betreuen Kirchenleiter Gemeinden, in denen Traumata aufgrund der vielen Herausforderungen, denen die Menschen gegenüberstehen, immer wieder aufbrechen.
Inmitten all dieser Krisen habe ich miterlebt, was passiert, wenn ein Mensch die Bibel in seiner eigenen Sprache aufschlägt. Es ist wahrlich ein Zeugnis in unserer Zeit.
Warum die Bibel, und warum jetzt?
Die Bibel spricht direkt zu Fragen wie: Wie sieht Frieden aus? Wie vergeben wir? Wohin soll ich fliehen, wenn ich in Not bin und meine Familie nicht mehr finden kann? Sie lehrt Menschen, die Krieg erlebt haben, dass sie nach dem Bilde Gottes geschaffen sind. Sie sagt einer Generation, die Schmerz geerbt hat, dass Versöhnung möglich ist. Sie sagt Führungspersönlichkeiten, Müttern und Viehhirten gleichermassen, dass ihr Leben Würde hat und sie nur beim Herrn Zuflucht finden können.
Dennoch bleibt die Bibel für die meisten Südsudanesen unerreichbar.
Eine gedruckte Bibel kostet heute in Juba zwischen 30’000 und 45’000 SSP – mehr, als sich ein gewöhnlicher Mensch leisten kann. Die meisten Kirchenleiter predigen aus dem Gedächtnis, ohne eine Vorlage zu haben. Unsere neuen Gläubigen wachsen ohne das eine Buch auf, das sie in der Nachfolge unterweisen kann.
Bei der Bibelgesellschaft im Südsudan ist unser Auftrag einfach: Wir wollen die Bibel für jeden zugänglich machen, zu einem Preis, den sich eine südsudanesische Familie leisten kann, in einer Sprache, die sie versteht, und in einem Format, das sie nutzen kann.
Wenn wir eine Bari-Bibel subventionieren, kann eine Mutter sie kaufen, anstatt sich zwischen der Heiligen Schrift und Medikamenten entscheiden zu müssen. Wenn wir Nuer- und Dinka-Audiobibeln auf solarbetriebene Abspielgeräte laden, kann ein ganzes Viehlager nachts gemeinsam zuhören. Wenn wir Kinderhefte auf Englisch und Arabisch drucken, prägen wir die erste lesekundige Generation, die die Geschichte von Josef kennenlernt, bevor sie die Geschichte der Rache erfährt.
Das ist keine Wohltätigkeit. Das ist der Aufbau einer Nation. Keine Regierungspolitik, kein Friedensabkommen, kein Hilfsprogramm kann das bewirken, was das Wort Gottes im Herzen eines Menschen bewirkt. Es verändert, wie ein Mann seine Frau behandelt. Es verändert, wie eine Gemeinschaft einen Fremden willkommen heisst. Es verändert, wie eine junge Nation Gerechtigkeit definiert.
«Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!»
Psalm 46 endet mit einem Befehl: «Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!» (Luther 17)
Der Südsudan kann nicht «still sein», wenn Kinder hungrig sind. Aber die Südsudanesen können erkennen, dass Er Gott ist – wenn sie Sein Wort in den Händen halten können.
Werden Sie uns zur Seite stehen? Ihre Gabe legt die Bibel in die Hände eines Soldaten, der fragt, ob Gott ihm vergeben kann. In die Hände einer Witwe, die wissen muss, dass sie gesehen wird. In die Hände eines Teenagers, der entscheidet, ob seine Zukunft die Waffe oder das Klassenzimmer ist.
Der Krieg hat uns viel genommen. Die Wirtschaftskrise, die politischen Unruhen, die Unsicherheit. Aber das Wort Gottes bleibt bestehen.
Inmitten all dieser Unsicherheit arbeiten wir weiter, wir lächeln und wir vertrauen auf Gott. Denn eine Nation kann wieder aufgebaut werden. Aber nur auf einem Fundament, das nicht erschüttert werden kann. Die Erde mag beben, aber das Wort des Herrn bleibt ewiglich, und unser Gott ist unsere allgegenwärtige Hilfe in Zeiten der Not. Wir setzen unser Vertrauen auf Ihn, und Er gibt uns Hoffnung auf ein besseres Morgen.

Cecilia Kaiwa Harun,
Generalsekretärin der Bibelgesellschaft im Südsudan
