Libanon als biblisches Land: Geografie, Geschichte und Theologie
In diesem Artikel erklärt Issa Diab, presbyterianischer Pastor, Universitätsprofessor, Berater für Bibelübersetzungen bei UBS sowie Leiter der Übersetzungsabteilung und des Zentrums für Bibelstudien der Bibelgesellschaft des Libanon, warum der Libanon als biblisches Land gilt.
Auch wenn der Libanon nie Teil des israelitischen Kernreichs war, nimmt er in der biblischen Vorstellungswelt einen bedeutenden Platz ein. Oft erwähnt, explizit oder implizit, durch das ganze Alte und Neue Testament, fungierte der Libanon wie ein geografischer Orientierungspunkt, Quelle heiliger Ressourcen und theologisches Symbol der Schönheit, Stärke und des göttlichen Segens.
Dieser Artikel erörtert, warum der Libanon zu Recht als biblisches Land betrachtet werden kann, und identifiziert die wichtigsten biblischen Stätten seines Territoriums, wobei er sie in ihren historischen, geografischen und theologischen Kontext einordnet.
1. Der Libanon in der biblischen Weltanschauung
Der Libanon erscheint in der Bibel nicht als eine Randregion, sondern als ein klar definiertes und gut bekanntes Land innerhalb der biblischen Welt. Der hebräische Begriff Levanon (לְבָנוֹן) kommt mehr als siebzigmal in der Hebräischen Bibel vor, was seine Wichtigkeit in Israels geografischem und symbolischem Horizont unterstreicht.[1]
Biblisch: der «Libanon» bezieht sich in erster Linie auf die gebirgige Region in Nordisrael, seine berühmten Zedernwälder und die phönizischen Küstenstädte Tyrus und Sidon. Der Libanon fungiert oft als nördlicher Orientierungspunkt, der die bekannte Welt Israels begrenzt:
«Von der Wüste bis zum Libanon hier und bis zum grossen Meer im Westen soll euer Gebiet reichen.» (Jos 1,4 Zürcher Bibel)
Dieser Text zeigt, dass der Libanon vollständig zur biblischen Mentalität gehörte, auch wenn er politisch nicht zu Israel gehörte.
2. Der Libanon und die Grenzen des Gelobten Landes

Die Karte veranschaulicht die geografische Lage des heutigen Libanons und verweist auf die biblische Levante mit den antiken Städten Tyrus, Sidon, Hermonberg, Baqaa und Libanonberg.
Obwohl das Land, welches Israel versprochen war, den Libanon nicht vollständig einbezog, stellen biblische Texte es konstant als Nachbarland Israels dar, das mit Israel interagiert und Einfluss auf Israel ausübt. Mehrere Grenztexte bestätigen diese Grenzlage, darunter Josua 13,5–6, Richter 3,3 und Deuteronomium 3,8.
Der Libanon war Teil des grösseren syro-palästinensischen kulturellen und geografischen Kontinuums, in dem Israel lebte, seinen Glauben ausübte und Handel trieb.

Die biblische Levante mit den Koordinaten der Städte Tyrus und Sidon und den Ortschaften Libanonberg und Hermon.
3. Die Zedern des Libanon: Ressourcen und Symbol Zedern in der sakralen Architektur Israels
Die Zedern des Libanon sind eines der mächtigsten natürlichen und theologischen Symbole in der Heiligen Schrift. Sie wurden wegen ihrer Langlebigkeit und Majestät geschätzt und spielten eine entscheidende Rolle in der sakralen Architektur Israels.
König Hiram von Tyrus versorgte Salomon mit Zedernholz für den Bau des Jerusalemer Tempels: «Also lieferte Hiram so viel Zedern- und Zypressenholz, wie Salomon wollte» (1 Kön 5,24 Einheitsübersetzung).
Genauso verwenden die Propheten Libanons Wälder als Symbole sowohl der Verherrlichung als auch des Gerichts (Jes 2,13; 10,34; Ez 31). Der Libanon wird zu einer Sprache der Theologie, nicht nur zu einem Ort.
4. Die Rolle des Libanon in der historischen Erzählung Israels
Die phönizischen Städte des Libanon spielten eine direkte Rolle in Israels königlicher und religiöser Geschichte. Besonders Tyrus unterhielt enge politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Israel. Hiram von Tyrus unterstützte König Davids Palastbau (2 Sam 5,11); das Bündnis wurde unter Salomon während des Tempelbaus weitergeführt (1 Kön 5).
Diese Erzählungen zeigen, dass der Libanon nicht nur Israels Nachbar war, sondern ein aktiver Partner in Israels Heilsgeschichte.
5. Der Libanon in der prophetischen Tradition
Die Propheten sprechen mit bemerkenswerter theologischer Tiefe über den Libanon. Manchmal symbolisiert er Schönheit und Wiederherstellung: «Die Herrlichkeit des Libanon wurde ihr gegeben, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon.» (Jes 35,2 E).
An anderen Stellen symbolisiert er Arroganz und Niedergang unter göttlichem Gericht (Jes 10,34). Ezechiel vergleicht die imperiale Macht bekanntlich mit einer hoch aufragenden Zeder des Libanon (Ez 31,3) und bekräftigt damit die Rolle des Libanon als theologischer Archetyp (Ez 31,3–9).
6. Biblische Stätten im heutigen Libanon
6.1 Tyrus (Ṣūr)
Tyrus gehört zu den am häufigsten erwähnten nicht-israelitischen Städten in der Bibel: Verbündeter Davids und Salomos (1 Kön 5). Es ist auch Gegenstand prophetischer Weissagungen (Ez 26–28) und wurde von Jesus besucht (Mt 15,21). Tyrus war die Heimat einer frühen christlichen Gemeinde (Apg 21,3–4).

Karte mit den Grenzen des heutigen Libanon und den antiken Städten Tyrus, Sidon und Sarepta.

Die phönizische Küste in der Bibel mit den Städten Tyrus, Sidon und Sarepta.
6.2 Sidon (Ṣaydā)
Sidon erscheint in der Völkertafel (Gen 10,15), wird mit Isebel in Verbindung gebracht (1 Kön 16,31) und von Jesus als Beispiel für moralischen Vergleich angeführt (Mt 11,21–22).
6.3 Sarepta (Sarafand)
Sarepta ist der Ort, an dem der Prophet Elija während der Hungersnot bei der Witwe wohnte (1 Kön 17,8–24), eine Begebenheit, an die Jesus ausdrücklich erinnert (Lk 4,26).
6.4 Hermon Berg
Der Berg Hermon liegt an der südlichen Grenze des Libanon und markiert den nördlichen Horizont Israels (5. Mose 3,8). Er symbolisiert den göttlichen Segen: «Es ist wie der Tau des Hermon, der niederfällt auf die Berge Zions» (Ps 133,3 Einheitsübersetzung).

Die Grenzen des heutigen Libanons sowie die antiken biblischen Orte Beqaa, Hermonberg und Oberes Galiläa

Der Berg Hermon und der nördliche Horizont Israels. Topografische Karte des Hermon-Gebirges und des Südlibanon mit Obergaliläa und dem Bekaa-Tal.
7. Der Libanon und der Kontext des Neuen Testaments
Obwohl der Begriff «Libanon» nicht explizit im Neuen Testament vorkommt, gehören seine Städte und Regionen zur Lebenswelt Jesu und der frühen Kirche. Jesus wirkte in der Nähe von Tyrus und Sidon (Mt 15,21) und Phönizien beheimatete frühe christliche Gemeinden (Apg 11,19;21,3). Der Libanon gehört darum zum geografischen Horizont des frühen Christentums, zunächst als Zufluchts- und Diasporaraum, aus dem sich früh missionarische Impulse entwickelten.
8. Theologische Bedeutung
Folgende Bedeutung hat der Libanon in der biblischen Theologie: die Pracht der Schöpfung Gottes, Gottes Segen über Israel hinaus, die Teilhabe der Völker an Gottes Heilsplan.
Der Libanon ist darum biblisch – nicht aufgrund eines Bundes, sondern aufgrund seiner Berufung – ein Land, dessen Ressourcen, Städte und Symbole dem göttlichen Narrativ dienen.
9. Namen libanesischer Dörfer, die ihren Ursprung in biblischen Orten haben
Unten finden Sie eine Übersicht libanesischer Dorfnamen, deren Ursprünge Anis Freiha (im Wörterbuch libanesischer Städte und Dorfnamen) auf biblische / altsemitische Wurzeln (Kanaanitisch-phönizisch) zurückzuführen sind, mit Verweisen auf die Bibel, wo dies relevant ist. Feilha behauptet nicht immer, dass ein Dorf ausdrücklich in der Bibel genannt wird. Vielmehr zeigt er zeigt oft, dass das libanesischen Ortsnamen eine semitische Wurzel bewahren, die in biblischen Texten gut belegt ist.
Laut Anis Freiha bewahrt der Libanon ein dichtes Netz semitischer Ortsnamen aus biblischer Zeit. Diese Namen stehen für sprachliche Kontinuität und nicht für spätere Entlehnungen aus der Bibel. Der Libanon ist aufgrund seiner Sprache und seiner kulturellen Erinnerung biblisch bedeutsam, ohne Teil der landbezogenen Bundesverheissungen Israels zu sein.
Hier unten finden Sie libanesische Dorfnamen mit biblischen oder bibelsprachlichen Ursprüngen (laut Anis Freiha)
9.1 Sidon (Ṣaydā):
Biblischer Name: Ṣīdōn (צִידוֹן). Grundbedeutung: “Fischen” oder “Ort des Fischens”. Biblische Referenzen: Genesis 10,15; Joschua 11,8; Matthäus 11,21
Freiha: Ein phönizisch-kanaanitischer Name, der ohne Unterbrechung erhalten geblieben ist.
9.2 Tyrus (Ṣūr)
Biblischer Name: Ṣōr (צוֹר). Grundbedeutung: Fels, Burg. Biblische Verweise: 1 Könige 5; Ezekiel 26–28; Matthäus 15,21.
Freiha: Von einer gemeinsamen nordwestsemitischen Wurzel ṣ-r mit der Bedeutung «Fels».
9.3 Sarepta (Sarafand)
Biblischer Name: Ṣārəfat (צָרְפַת). Grundbedeutung: Schmelzen, Veredeln. Biblische Referenzen: 1 Könige 17,8–24; Lukas 4,26.
Freiha: Der moderne Name bewahrt den biblischen Ortsnamen mit natürlicher phonetischer Veränderung.
9.4 Byblos (Jbeil)
Biblischer Name: Gebal (גְּבַל). Grundbedeutung: Berg, Grenze, Steinschneiden. Biblische Referenzen: Josua 13,5; Hesekiel 27,9;
Freiha: Eine phönizische Stadt, die in der Bibel als Gebal bekannt ist; «Byblos» ist die griechische Form.
9.5 Baalbek
Wurzel: Baal + Biq‘a (Tal). Biblische Referenz : «Baal» taucht in der Bibel häufig als kanaanitische Gottheit auf (z. B. Richter 2,11; 1 Könige 18).
Freiha: Ein religiös-geografischer Name aus Kanaan, nicht unbedingt ein direkter biblischer Ort.
9.6 Ain Ebel
Wurzel: ʿAin («Frühling, Quelle») + Ebel/Hebel. Biblische Wurzel: עַיִן (ʿayin), üblich in biblischen Ortsnamen.
Freiha: Spiegelt alte semitische hydrologische Namensgebungsmuster wider, die in der gesamten Heiligen Schrift zu finden sind.
9.7 Ainata
Wurzel: ʿAin + Suffix, das Fülle anzeigt. Biblische Wurzel: עַיִן (ʿayin).
Freiha: Eines von vielen libanesischen Dörfern, in denen die Begrifflichkeiten aus der biblischen Zeit für Wasserquellen erhalten geblieben sind.
9.8 Hasbaya (Hasbayya)
Wahrscheinliche Wurzel: ḥṣb (zählen, stärken). Biblische sprachliche Parallelen: Von ḥṣb abgeleitete Namen kommen im Hebräischen und Aramäischen vor.
Freiha: Ein alter semitischer Name, der später ins Arabische übernommen wurde.
9.9 Qana
Biblische Referenz: Kana in Galiläa (Johannes 2). Grundbedeutung: Schilfrohr, Halm
Freiha: Der Name ist authentisch semitisch; die historische Identifizierung bleibt umstritten.
9.10 Naqoura
Wurzel: n-q-r («schnitzen, durchbohren»). Biblische Wurzel נָקַר (nāqar)
Freiha: Bezieht sich auf Felsformationen an der Küste; sprachlich biblisch.
9.11 Beit Mery
Wurzel: Beit («Haus») + Mery. Biblische Wurzel: בֵּית (bēt)
Freiha: «Beit» ist eines der häufigsten biblischen toponymischen Elemente.
9.12 Baalshamieh / Baalshamin
Wurzel: Baal + Shamayim („Himmel“)
Biblische Entsprechung: Baal-Shamem (erwähnt in nordwestsemitischen Inschriften)
Freiha: Spiegelt die in der biblischen Welt bekannte kanaanitische religiöse Terminologie wider.
Schlussfolgerung
Der Libanon gilt als biblisches Land, da er in der Heiligen Schrift wiederholt erwähnt wird, einen wesentlichen Beitrag zum Gottesdienst Israels leistete, Schauplatz prophetischer Ereignisse und der Verkündigung des Evangeliums war und als mächtiges theologisches Symbol fungierte. Die biblische Geschichte entfaltet sich nicht isoliert, sondern innerhalb einer gemeinsamen und miteinander verbundenen heiligen Geografie, deren integraler Bestandteil der Libanon ist.

Von Issa Diab
Presbyterianischer Pastor, UBS-Übersetzungsberater
und Professor für Religion an der St.-Josef-Universität in Beirut.
[1] Ludwig Koehler and Walter Baumgartner, The Hebrew and Aramaic Lexicon of the Old Testament (Leiden: Brill, 1994), s.v. «לְבָנוֹן.»
