Emanuels Kindheit war von Angst und Verlust geprägt, nachdem er als Kind entführt und in die Schrecken des Krieges gestürzt worden war. Doch sein Leben nahm eine unerwartete Wendung, als er die Botschaft der Bibel entdeckte, die für ihn zu einer Quelle des Friedens und der Verwandlung wurde. In diesem Artikel zeichnet Peter Siebe, Historiker und Kommunikationsbeauftragter der Bibelgesellschaft der Niederlande und Flandern, den bewegenden Lebensweg nach, auf dem der Glaube Emanuel einen neuen Lebensweg eröffnete.

Emmanuels erste Bibel
Für Emanuel ist die Bibel so wichtig, dass er heimlich eine aus einer Kirche im Südsudan mitgenommen hat. Das brachte eine Wende in seinem bewegten Leben als ehemaliger Kindersoldat.
Ich treffe Emanuel in einem ruhigen Vorort einer niederländischen Stadt. «Ich habe schreckliche Dinge erlebt», erzählt er über den Krieg in seiner Kindheit im Südsudan. Dort wurde er während des Bürgerkriegs zwischen dem arabischen, islamischen Norden und dem schwarzen, christlichen Südsudan in eine christliche Familie geboren. Viele Freunde und Familienmitglieder, darunter auch Kinder, wurden ermordet.
Ex-Kindersoldat
«Ich war Kindersoldat», erzählt er. «Kinder sind die motiviertesten Soldaten. Sie tun ohne zu murren, was von ihnen verlangt wird. Sie werden geschlagen und unter Druck gesetzt: Wenn du es nicht tust, bringen wir deine Eltern um. Es beginnt damit, dass sie aus ihrer Familie entführt werden. Das ist mir passiert, als ich neun Jahre alt war. Ein Bekannter meiner Eltern hat mich mitgenommen. In anderen Fällen werden die Eltern getötet und die Kinder mitgenommen. Und dann sagt der Entführer zu einem solchen Kind: ‚Ich bin jetzt dein Papa. Du musst tun, was ich sage. Und das tust du dann auch.‘ Kinder finden es interessant, ein Gewehr in der Hand zu halten. Schiessen macht ein schönes Geräusch und ein Gewehr gibt Macht. Manchmal fragen sie dich: ‹Willst du nach Hause zurück?› Und dann sagst du: ‹Nein, mir gefällt es hier.› Du kennst nichts anderes als das Vergnügen, schreckliche Dinge zu tun. Nur Gott kann solche Kinder wieder zu normalen Menschen machen. Ich bin ein Beispiel dafür.»
Missionar
Als Emanuel zwölf Jahre alt war, floh er.
«Gott hat einen Plan für mein Leben. Er half mir, nach Khartum, der Hauptstadt des Nordsudans, zu gelangen. In den Wäldern des Südsudans arbeiteten Missionare. Einer dieser Missionare sprach mich an. Er sagte mir, dass Gott mich sehr liebt. Ich dachte mir: ‹Das können Sie leicht sagen, Sie tragen schöne Kleidung, ich bin ein fremder Junge, der nichts zu essen hat. Wo ist dieser Gott denn?› Der Missionar wiederholte, dass Gott mich liebt, auch wenn ich schlechte Dinge getan habe. Es war, als hätte er mich durchschaut, denn er sagte: ‹Du hast nichts falsch gemacht.› Ich dachte: ‹Hallo, wenn du wüsstest, was ich getan habe. Ich habe Menschen erschossen.› Aber er sagte: ‹Die Menschen zwingen dich, etwas zu tun, was du nicht willst.› Am Ende sagte er: ‹Wenn du von hier weg willst, kannst du das tun. Gott wird dich beschützen.› Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wollte ich weggehen oder bleiben? Kurz darauf sass ich da und weinte, ohne zu wissen warum. Ich sagte mir: ‹Wenn ich gehe, muss ich niemandem mehr wehtun.› Dann liess ich mein Gewehr bei der Gruppe zurück und ging.»
Gestohlene Bibel
Emanuel gelangte per Anhalter, zwischen Kämpfen und Minenfeldern hindurch, nach Khartum. In einer anderen Stadt im Norden fand er eine Schule, wo er schlafen und Unterricht nehmen konnte.
«In der Nähe gab es eine römisch-katholische Kirche, in der jeden Morgen um fünf Uhr gebetet wurde. Ich ging immer dorthin. Eines Tages fragte ich den Priester, ob ich die Bibel, die dort lag, mitnehmen dürfe. ‹Nein›, sagte er, ‹du darfst darin lesen, aber sie muss hier bleiben.› Er wollte die wenigen Bibeln, die er hatte, nicht verlieren. Das war eine Enttäuschung. Ich wartete, bis alle weg waren, und stahl dann diese Bibel. Ich steckte sie unter meine Kleidung und ging hinaus.»
Nie ohne Bibel unterwegs
«Diese Bibel hat mich gerettet», sagt Emanuel. Er hat das Exemplar noch immer. Eine englische Good News Bible, völlig zerlesen. «Ich war etwa vierzehn Jahre alt, als ich anfing, darin zu lesen. Das hat mich beruhigt. Das Lustige daran ist, dass ich gar nicht darin lesen muss. Allein schon, wenn ich die Bibel bei mir habe, zum Beispiel in meiner Tasche, werde ich ruhig. Ich gehe nie ohne Bibel aus dem Haus.»
Ein Text ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Johannes 3,16: «Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.»
Emanuel: «Ich sage mir dann: ‹Gott hat Emanuel so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.› Als ich diesen Text zum ersten Mal las, wurde mir bewusst, dass ich einen besonderen Namen habe. Emanuel bedeutet: ‹Gott mit uns›. Dass Gott mit mir ist. Dass Gott alles getan hat, um mir ein besseres Leben zu geben. Und um alle – Männer, Frauen und Kinder – auf dem rechten Weg zu halten.»
Familienbesuch
Nach vielen Umwegen kam er – über Ägypten und einen Flug nach Kanada – in die Niederlande. Er wurde kirchlich aktiv und heiratete eine Niederländerin. 2006 kehrte er zum ersten Mal zu seiner Familie in seinem Heimatdorf zurück.
«Meine Mutter erkannte mich nicht», erzählt Emanuel. «Sie sagte zu einer Nichte: ‹Wer ist dieser Mann, der mich so ansieht?› Das tat so weh, dass ich mich umdrehen und weglaufen wollte. Aber meine Nichte sagte: ‹Oma! Das ist Emanuel! Ich habe ein Foto von ihm gesehen!› Da musste sie weinen und wir umarmten uns. Und wenn jemand in Südsudan weint, kommt das ganze Dorf, um zu schauen, hahaha, also wurde es eine grosse Party.»
Eigene Sprache
«Ohne die Bibel bin ich wie ein Fisch ohne Wasser. Meine Sprache ist eine von 64 Sprachen im Südsudan. In all diesen Sprachen wurde die Bibel oder ein Teil davon übersetzt. Mein inzwischen verstorbener Vater hat dabei geholfen, die Bibel in meine Sprache zu übersetzen. In meinem Heimatland merke ich, wie wichtig es ist, dass die Menschen die Bibelgeschichten in ihrer eigenen Sprache haben. Um alle zu erreichen, muss man es in der Sprache der Menschen erzählen. Und man muss in der eigenen Sprache predigen, aus der Bibel lesen und singen.»
Warum hält Emanuel es für so wichtig, dass jeder die Bibel in seiner eigenen Sprache hat?
«Jeder Mensch muss wissen, dass Gott auch seine Sprache spricht. Man muss nicht in einer anderen Sprache mit Gott sprechen. Er ist dein Vater. Er spricht mit jedem von uns in unserer eigenen Sprache. Ich habe ein Klavier und singe manchmal ein Lied in meiner Muttersprache. Das mag dir vielleicht seltsam vorkommen, aber ich fühle mich dabei wunderbar. Das ist es, was meine Sprache mit mir macht.
Was hat die Bibel in all diesen schwierigen Jahren für ihn bedeutet? «Die Bibel war mein Schiff, eine Arche Noah, die mich gerettet hat. Wenn ich daran denke, wie ich früher gelebt habe und wie ich jetzt leben kann, dass ich meiner Familie und meinem Heimatdorf helfen kann, dann sage ich: Herr, du bist wirklich grossartig!»
Emanuel sagt, dass er kein Trauma hat, obwohl er Kindersoldat war.
«Das überrascht mich selbst auch», meint er. «Vielleicht hilft es, dass der Missionar gesagt hat, dass ich nichts Falsches getan habe und dass andere schuld sind. Von Jesus lerne ich (Matthäus 11), dass ich – wenn ich müde bin und unter Lasten leide – zu ihm kommen darf. Das finde ich so einen schönen Satz. Ich bin zu Gott gekommen und habe Ruhe gefunden. All das Schlechte, das ich getan habe, wirft er weit von mir weg. Das macht mich frei.»
Diese Lebensgeschichte von Emanuel stammt aus der Migration Bible, einer englischen Bibel mit Dutzenden von zusätzlichen Artikeln, Porträts und Leseplänen zum Thema Migration als durchgängigem Thema in der Bibel. Die Migration Bible ist eine entdeckungsreiche, verbindende und ermutigende Bibelausgabe.

Peter Siebe, Historiker und Kommunikationsbeauftragter der Bibelgesellschaft der Niederlande und Flanderns
