Im Herzen des von Konflikten und Traumata geprägten Südsudans zeugt die Geschichte von Hannah Lona von der Kraft der Widerstandsfähigkeit und des Glaubens. Vom Opfer zur Begleiterin verwandelt sie ihr eigenes Leid in eine Quelle der Heilung für andere. In diesem Artikel zeichnet Karen Kuta, Programmleiterin bei der Bibelgesellschaft des Südsudans, einen inspirierenden Weg nach, auf dem in der Gemeinschaft neue Hoffnung entsteht.

Hannah Lona begleitet traumatisierte Menschen in Ateliers, die von der Bibelgesellschaft des Südsudan ermöglicht werden.
Hannah Lona, 54 Jahre alt, Witwe und Mutter von fünf Töchtern, ist eine engagierte Christin in der AIC-Kirche und Evangelistin. Sie ist Mitglied des Staatsparlaments und stellvertretende Vorsitzende der SPLM-Partei im Bundesstaat Western Equatoria in Yambio. Heute ist sie eine aktive Facilitatorin des Trauma-Heilungsprogramms sowie der FCBH-Projekte der Bibelgesellschaft im Südsudan. Ihr Leben ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, was Heilung, Glaube und Gemeinschaft bewirken können.
Ein Leben geprägt von Schmerz und Verlust
Hannah trägt eine Geschichte voller Prüfungen in sich. Im Jahr 2004 verlor sie ihren geliebten Ehemann – er wurde vergiftet, und seine Familie beschuldigte sie, für seinen Tod verantwortlich zu sein. Allein mit ihren Kindern, ohne gesicherte Einkommensquelle, sah sie sich mit einer schier erdrückenden Last konfrontiert: Krankheiten der Kinder, keine Schulgelder, kaum Nahrung – und schliesslich wurden sie aus dem gemeinsam erbauten Haus vertrieben.
«Ich war in Tränen und Schmerz und fragte mich: Was soll ich tun? Wohin soll ich mit diesen Kindern gehen? Oh Gott, bitte hilf mir. Ich konnte weder schlafen noch essen. Ich wurde immer dünner und hatte das Gefühl, täglich meinem eigenen Grab entgegenzugehen.»
Ihr Vater nahm sie schliesslich mit den Kindern bei sich auf. Doch die Wunde in ihrem Herzen blieb tief. 2005 wurde Hannah als Parlamentsmitglied im Bundesstaat Western Equatoria gewählt – ein Wendepunkt, der ihr ermöglichte, für ihre Kinder zu sorgen. Dennoch blieb die innere Bitterkeit bestehen. Trotz ihres aktiven Glaubenslebens, regelmässiger Gottesdienste, Gebete und Fastenzeiten fiel es ihr schwer, zu vergeben.
Die Bürgerkriege von 2013 und 2016 vertieften ihre Traumata weiter. Als Politikerin lebte sie in ständiger Angst – Kolleginnen und Kollegen wurden als Rebellen beschuldigt, das Leben war täglich bedroht.
Der Weg zur Heilung

Hannah Lona (im schwarzen Klein) mit der Familie zu Hause
Im Jahr 2019 wurde Hannah von der Bibelgesellschaft im Südsudan eingeladen, an einem fünftägigen Trauma-Bewältigungsworkshop teilzunehmen. Diese Begegnung veränderte ihr Leben grundlegend.
«In jeder einzelnen Lektion erkannte ich mich wieder. Wenn ich abends nach Hause kam, hallten die Inhalte in mir nach – und genau in diesen Momenten begann meine Heilung. Durch das Programm konnte ich mein Problem benennen und loslassen. Ich vergab mir selbst und den Menschen, die mir Böses getan hatten. Ich fühlte Erleichterung und Frieden in meinem Herzen.»
Vor dem Training war Hannah mit Konzepten wie primärem und sekundärem Trauma nicht vertraut. Das Programm gab ihr einen sicheren Raum, ihre Geschichte zu teilen, ihren Schmerz anzuschauen und ihren Kummer zu betrauern. An jenem Tag traf sie eine Entscheidung: Schmerz nicht länger zu verbergen, sondern ihn zu teilen – und anderen Menschen auf ihrem Weg zur Heilung beizustehen.
Von der Heilung zur Weitergabe
Hannah ist heute eine der aktivsten Begleiterinnen des Trauma-Bewältigungsprogramms und der FCBH-Projekte (Faith Community Based Healing) der Bibelgesellschaft im Südsudan. Das FCBH-Programm verfolgt einen gemeindebasierten Ansatz, der in kirchlichen und christlichen Gemeinschaften verankert ist und emotionale, spirituelle sowie psychologische Heilung fördert. Die Umsetzung erfolgt auf lokaler Ebene und orientiert sich unmittelbar an den Bedürfnissen der Menschen.

Die Moderatorin, Frau Hannah Lona (in Grün), auf einem Gruppenfoto nach der Verteilung von „Talking Bibles“ an die Frauen von „Good News“ im AIC Munuki Center im Anschluss an die Trauma-Begleitungssitzungen.
Trotz ihrer bedeutenden politischen Stellung sieht sich Hannah nicht als Amtsträgerin, sondern als Dienerin ihrer Gemeinschaft. Sie gründet Gruppen, begleitet Menschen auf dem Weg zur Heilung und hilft ihnen, verlorenen Glauben und Hoffnung wiederzufinden.
«Dank der Hilfe, die ich durch das Trauma-Bewältigungsprogramm erhalten habe, kann ich nicht einfach tatenlos zusehen, wie meine Mitmenschen in Schmerz und Trauer leben. Ich bin hier, um mich für sie einzusetzen und ihnen zu helfen, ebenfalls Heilung zu finden.»
Hannah ist auch in der Frauengruppe «Women of Good News» und in der Jugendarbeit ihrer Kirche als Beraterin tätig. Sie verteilt Sprechende Bibeln, leitet Gottesdienste und Gebete – und ist dabei stets Mutter, Freundin und Vorbild für viele Menschen in ihrer Gemeinschaft.
«Ich danke der Bibelgesellschaft des Südsudan und ihren Partnern für die Möglichkeit, das Wort Gottes gemeinsam weiterzutragen. Die Anerkennung, die mir zuteilwird, hilft wirklich – besonders in Zeiten, in denen Gehälter im Land auf sich warten lassen. Nur Gott weiss, wie wichtig das ist.»
Hannah Lona ist nicht nur Diskussionsleiterin, Predigerin oder Parlamentarierin. Sie ist Mutter, Freundin und Vorbild. Sie ist jemand, der sich stets für ihre Gemeinschaft einsetzt – und damit lebt, was sie lehrt.

Karen Kuta, Programmgestalterin bei der Bibelgesellschaft des Südsudans. Seit 2017 ist sie ausgebildete Traumabegleiterin 2024 stiess sie als Freiwillige zur BGSS und wurde 2025 als feste Mitarbeiterin ins Team aufgenommen.
