Thomas gehörte zum engsten Kreis Jesu. Er war nicht bei den Jüngern, als ihnen der auferstandene Jesus im Johannesevangelium das erste Mal erschien. Als die anderen ihm erzählten, sie hätten den Herrn gesehen, konnte er es nicht glauben. Doch eine Woche später war er dabei und Jesus zeigte ihm seine Hände und seine Seite (Johannes 20,24-29) und es kam zum Glaubensbekenntnis: «Mein Herr und mein Gott!» (Joh 20,28) Dieser Apostel Thomas soll bis nach Indien gereist sein und dort das Christentum gegründet haben, so die Legende der Thomaschristen in Kerala. Über ihre Geschichte und ihr kirchliches Leben heute schreibt Dr. Hrangthan Chhungi: Sie promovierte 2007 im Alten Testament an der Senate of Serampore University und leitet heute bei der Bibelgesellschaft von Indien (BSI) das Ressort Kirche, Öffentlichkeitsarbeit und Ressourcenmobilisierung.

Orthodoxe Kirche, Kerala. Foto: Indische Bibelgesellschaft
Die Thomaschristen (Nasranis oder syrische Christen Keralas) gehören zu den ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt. Sie führen ihren Ursprung auf das Wirken des Apostels Thomas zurück, der der Überlieferung nach im Jahr 52 n. Chr. an der Malabarküste landete. Auch wenn historische Einzelheiten umstritten sind, gibt es deutliche Hinweise auf eine frühe christliche Präsenz in Kerala bereits in den ersten Jahrhunderten.
Der Überlieferung zufolge gründete Thomas die «siebeneinhalb Kirchen», die das Fundament des indischen Christentums bilden. Mit der Zeit entwickelte die Gemeinschaft enge Beziehungen zu den syrischsprachigen Kirchen Westasiens und prägte so eine eigene Identität – indisch in der Kultur, syrisch in der Liturgie. Die mit Thomas von Kana – eine ganz andere Figur – verbundene Einwanderung aus Persien festigte diese Tradition zusätzlich. Laut Tradition war er ein christlicher Händler, der im 4. Jahrhundert eine Gruppe von ostsyrischen Christen nach Kerala brachte, die den Ursprung der sogenannten «Knanaya», einer Gruppe innerhalb der Thomaschristen, bildete.
Die Ankunft der Portugiesen im Jahr 1498 führte zu Versuchen, die Kirche zu latinisieren, was in Spannungen und dem historischen Coonan-Kreuz-Schwur gipfelte. Daraus entstanden Spaltungen, aus denen mehrere Kirchen hervorgingen, darunter die Syro-Malabarische, die Syro-Malankarische, die Malankara-Orthodoxe, die Jakobitische, die Mar-Thoma-, die St.-Thomas-Evangelische und die Chaldäisch-Syrische Kirche.
Bis heute entfalten diese Kirchen ein lebendiges Wirken in Gottesdienst, Bildung, Gesundheitsversorgung, sozialem Dienst und Mission. Liturgisches Leben, biblische Unterweisung, Jugendarbeit und gemeindliches Engagement bleiben zentrale Elemente ihres Zeugnisses.

Mar Thoma Kirche in Kerala, Foto: Bibelgesellschaft Indiens
Im ökumenischen Bereich sind mehrere Thomaskirchen – etwa die Mar-Thoma-Kirche, die Malankara-Orthodoxe, die Jakobitische und die St.-Thomas-Evangelische Kirche – Mitglieder des Nationalen Kirchenrats von Indien (NCCI) und leisten einen bedeutenden Beitrag zu Einheit, theologischer Bildung und sozialem Engagement. Die Syro-Malabarische und die Syro-Malankarische Katholische Kirche wirken über katholische Strukturen und den ökumenischen Dialog mit.
Die Thomaskirchen spielen auch im Dienst der Bibelgesellschaft von Indien eine wichtige Rolle. Die Regionalstelle Kerala wird derzeit geleitet von Most Rev. Dr. Theodosius Mar Thoma Metropolitan (Präsident), Rt. Rev. V. S. Frances (Vizepräsident), Rev. Jacob Antony Koodathinkal (Sekretär der Regionalstelle) und Dr. Sabu T. Thomas (Schatzmeister).

Mar Thoma Kirche von aussen. Foto: Bibelgesellschaft von Indien
Ein eindrücklicher Ausdruck ihres geistlichen Lebens ist die Maramon-Konvention, die grösste christliche Versammlung Asiens, die jährlich am Ufer des Flusses Pampa stattfindet und von der Mar Thoma Evangelistic Association organisiert wird.
Die Gemeinschaft der Thomaschristen ist ein lebendiges Zeugnis für nahezu zweitausend Jahre christlichen Glaubens in Indien. Sie verbindet apostolisches Erbe, syrische Spiritualität und indische Kultur und dient der Gesellschaft weiterhin mit Glauben und Engagement.
Der heilige Thomas übrigens – so die Tradition – starb als Märtyrer in Mylapore (heute Chennai).
Quiz: Die Thomaschristen Indiens
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