Esbon Umbo, der als Jugendlicher erblindete, durchlebte eine Zeit tiefer Verzweiflung, bevor er wieder Hoffnung und Würde fand. Seine Geschichte zeigt, wie Glaube, Begleitung und Solidarität einen Weg der Heilung und Erneuerung eröffnen können. In diesem Artikel beleuchtet Margret Tabu, die bei der Bibelgesellschaft des Südsudans tätig ist, ein eindrucksvolles Zeugnis, in dem eine Behinderung nicht die Grenzen eines Lebens bestimmt.
Die Geschichte von Esbon Umbo
Zur Autorin: Margret Tabu engagiert sich seit 2025 ehrenamtlich für die Bibelgesellschaft des Südsudan und leitet dort die Bibelverteilung sowie die Programme von „Faith Comes By Hearing“ (FCBH). Seit 2025 ist sie ausserdem Ausbilderin für Traumatherapie.
Der Südsudan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Laut einem Bericht der Weltbank leben 76 % der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze, mehr als zwei Drittel sind von extremer Armut betroffen. Anhaltende Konflikte, schwache staatliche Strukturen und wiederkehrende Naturkatastrophen verschärfen die Lage und machen viele Menschen besonders verletzlich gegenüber weiteren Schicksalsschlägen. Esbon Umbo ist einer jener Menschen, deren Leben durch diese Realität auf eine harte Probe gestellt wurde.

Esbon bringt sein Schicksal vor das Kreuz und bittet Jesus Christus um Trost und Kraft für den weiteren Lebensweg.
Der Beginn einer langen Dunkelheit
Esbon Umbo wuchs als aufgeweckter junger Mann in Lemon Gaba, Juba, auf. Im Jahr 2018 begann sein Schicksal mit einem zunächst unscheinbaren Problem: einem anhaltenden Juckreiz in den Augen. Als er zur medizinischen Untersuchung in die Hauptstadt Juba gebracht wurde, stellten die Ärzte fest, dass ein schwarzer Schleier seine Augenlinsen zu bedecken begann. Eine sofortige Operation hätte sein Augenlicht retten können – doch seine Familie, die täglich ums Überleben kämpfte, konnte die Kosten nicht aufbringen. Im September 2019 verlor Esbon, damals noch Teenager, vollständig sein Augenlicht.
Der Verlust traf ihn mit voller Wucht. Drei Monate lang verschloss er sich in seinem Zimmer, wollte niemanden sehen und wies alle zurück, die ihm nahekamen – aus Angst, verspottet zu werden. Wut und Trotz wurden zu seinem Schutzschild.
«Scham hinderte mich daran, mit anderen umzugehen. Ich fühlte mich nutzlos, ohne Stimme und unsichtbar in der Gemeinschaft. Ich konnte nicht sprechen, weil ich glaubte, niemand würde meine Meinung akzeptieren.»
Die Dunkelheit war nicht nur körperlich – sie war emotional, geistlich und seelisch. Esbon dachte daran, sein Leben zu beenden. Es schien, als wäre alle Hoffnung erloschen.
Stärkung durch das Wort Gottes
2020 nahm Esbon an einem von der Bibelgesellschaft Südsudans organisierten Trauma-Bewältigungsprogramm teil. Dieses Programm verbindet bewährte Ansätze aus der psychischen Gesundheitsversorgung mit biblischen Impulsen und hat sich als wirksam erwiesen, um Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu lindern, die emotionale Gesundheit zu stärken und Vergebung sowie Mitgefühl zu fördern.
Für Esbon wurde das Programm zum Wendepunkt. Er lernte, dass Gott ihn auch in seiner neuen Lebenssituation liebt – und er begann, sich selbst wieder anzunehmen.
«Gott hatte einen anderen Plan. Mitten in meiner Verzweiflung fand ich durch das Trauma-Heilungsprogramm wieder Hoffnung. Dieses Programm hat mich erneuert. Es erinnerte mich an die Verheissungen Gottes – dass er auch im finsteren Tal bei uns ist.»
Auch seine Kirchengemeinde stand ihm in dieser schweren Zeit bei. Die Gemeindemitglieder ermutigten ihn, beteten mit ihm und erinnerten ihn daran, dass er nach wie vor wertvoll ist.
Ein neues Kapitel beginnt

Umbo (vom „Green Jazzy“) spielt ernsthaft Fussball bei der South Sudan Blind Football Association (SSBFA)
Neben dem Glauben und der Gemeinschaft erhielt Esbon auch praktische Unterstützung durch das Buluk Center for Disabilities, das ihn in verschiedene Ausbildungen einschrieb und seine Fähigkeiten förderte. Dort fand er auch Gleichgesinnte – andere blinde Männer und Frauen, die ihm zeigten, wie man mit einem Stock geht, wie man Traumata überwindet und wie man neu zu leben lernt.
«Meine blinden Brüder und Schwestern wurden meine Stärke. Sie zeigten mir, dass Blindheit nicht das Ende ist, sondern der Beginn einer neuen Art, das Leben zu sehen.»
Durch das Training entdeckte Esbon eine Leidenschaft, die er sich nie hätte vorstellen können: Blindenfussball. Heute ist er stolzes Mitglied der South Sudan Blind Football Association (SSBFA) und gilt als einer der besten Spieler des Verbandes. Im Jahr 2021 wurde er bei einem Turnier in Juba mit einer Trophäe ausgezeichnet.
«Was sich einst wie das Ende meiner Geschichte anfühlte, ist zum Beginn eines neuen Kapitels geworden.»
Dienst, Würde und Familie
Esbon hat nicht nur seinen Platz in der Gesellschaft wiedergefunden – er dient auch aktiv in seiner Kirche. Mit seinem Talent als Schlagzeuger begleitet er Gottesdienste und Lobpreiszeiten. Er ist ein engagierter und verlässlicher junger Mann, der sich mit vollem Einsatz in alle kirchlichen Aktivitäten einbringt.
Auch in seiner Familie hat sich vieles verändert. Die Angst, den Respekt seiner Angehörigen zu verlieren, ist längst vergangen. Als ältester Sohn geniesst er das Vertrauen und die Achtung aller Familienmitglieder – einschliesslich seiner Grossmutter, die selbst eine Audiobibel der Bibelgesellschaft erhalten hat.
In tiefer Dankbarkeit blickt Esbon auf seinen Weg zurück und richtet folgende Worte an die Bibelgesellschaft und ihre Partnerinnen und Partner:
«Ich bin zutiefst dankbar für das Trauma-Heilungsprogramm, besonders durch die Bibelgesellschaft. Sie haben mir meine Hoffnung, meine Würde und meine Zukunft zurückgegeben. Möge Gott sie reichlich segnen für die Arbeit, die sie in unserer Gemeinschaft leisten. Mein Leben ist der Beweis dafür: Egal wie dicht die Dunkelheit ist – das Licht Gottes kann sie durchbrechen. Ich war einst verloren, jetzt bin ich gefunden. Ich war einst hoffnungslos, jetzt lebe ich in erneuerter Kraft. Und wenn Gott das für mich tun konnte, kann er es für jeden tun.»
Margret Tabu, Bibelgesellschaft des Südsudan
